Der nicht fortschrittliche Große Geist

 

 

Traditionalismus in der heutigen Welt.

von K-apishimu


Es ist wahr, daß uns die Alten Weisen in einer Zeit gegeben wurden, die sich schon unsere Ahnen nicht mehr vorstellen konnte. Aber wenn man ihnen voll vertraut. Machen uns die Alten Weisen unverwundbar. Durch sie können wir nicht nur in der Welt der Weißen überleben, sondern verstehen sie besser als die Weißen selbst. Wir müssen nicht nur die Anwendung der Alten Weisen auf die „moderne Welt“ entwickeln, sondern müssen die moderne Welt auch im Kontext der Alten Weisen verstehen.

Es mag scheinen, daß die Alten Weisen uns keine Mittel für ein geistiges Überleben in der verwerflich disharmonischen Welt der Weißen bieten. Es mag scheinen, daß die Alten Weisen wenig zur Verteidigung gegen eine Art des Angriffs, die der „Natürlichen Welt“ fremd ist, haben. Die meisten von uns scheinen den kulturellen und geistigen Angriff der Weißen als eine verwässernde, verschmutzende oder schwächende Kraft zu betrachten. Wir scheinen zu glauben, daß wir die Alten Weisen schützen müssen, statt uns von ihnen schützen zu lassen.

Du weißt, wir öffnen uns wie die Luft, und die Welt fließt durch uns wie der Wind. Die Welt ist Teil von uns wie der Wind Teil der Luft ist. Wir haben keine Grenzen – wir sind alles, was wir erfahren, wissen und fühlen – wovon alles mit allem zusammenwirkt und uns auf der ganzen Erde sein läßt. Wir brauchen nicht zu versuchen, unsere Form zu bestimmen, sondern können sie durch den besonderen Rhythmus des Stammesbewußtseins bestimm sein lassen, der unsere Wahrnehmungen hervorbringt – der uns erschafft.

So wie unser Körper nicht nach unserer Wahl und Entscheidung wächst und sich entfaltet, so tut das auch unser Geist nicht. Disharmonische und destruktive Handlungen entwickeln sich automatisch aus disharmonischen Verhältnissen. Durch die Alten Weisen sind wir mit allen Gegebenheiten in Harmonie – der richtige und harmonische Handlungsgang ist immer in uns zu finden, wenn wir mit uns selbst in Verbindung sind.

Alles Seiende fließt durch uns hindurch, und so wissen wir um die Heiligkeit alles Seienden. Es ist ein Wissen, daß nicht ausgedrückt werden kann – es ist, was wir sind. Es ist eine Heiligkeit, die man nicht greifen oder definieren kann, die ganz und gar in sich selbst ist, ohne eine Bedeutung jenseits ihrer selbst.

Alles ist im Zentrum des Universums. Du bist das Zentrum des Universums, der Brennpunkt der Erde, die sowohl materiell wie geistig durch dich hindurchfließt: die Luft, das Wasser, alle lebenden Wesen, die dich ernähren, vereinigen sich in deiner Existenz. Alles ist in Beziehung zu dir definiert.

Der Monde ist er selbst in seinem eigenen Zentrum so wie die Fichte, der Felsen, der Elch der Donner. Es ist nicht einer der andere, nicht einmal ein anderer derselben Art. Jede Fichte hat ihr eigenen heiliges Muster aus Nadeln, Zweigen und Rinde. Die Sonne, das Wasser, die Erde, der Wind schaffen die Form aller Fichten. Aber die Form jeder Fichte ist weder durch ihre Ähnlichkeit noch durch ihren Unterschied zu anderen Fichten definiert. Sie ist absolut. Sie ist nicht ein Ding, sondern ein Vorgang, wie auch wir es sind.

Der Große Geist ist weder innerhalb nocht außerhalb von uns. Die Alten Weisen sind weder von außen hineingelegt noch von innen heraus geschaffen, sondern sind ein besonderer Stammesrhythmus, der uns als Teil der fließenden Kreisläufe des Lebens erhält. Wie die Luft, die vom Winde bewegt wird, hat der, der den Alten Weisen folgt, große Macht, die er oder sie weder enthält noch hervorgebracht hat.

Die nicht-eingeborenen Amerikaner – so geistig disharmonisch, wie die meisten von ihnen sind – können auch nur im Rahmen der Gesetze des Großen Geistes handeln. Sogar um unsere Mutter (Erde) zu zementieren und um ihre Gebäude zu bauen, müssen sie sich auf eine bestimmte Art an die „Gesetze der Natur“ halten. Wenn sie es auf eine andere Art tun, werden ihre Gebäude diesen Gesetzen folgen, indem sie zusammenfallen. Niemand kann vom Großen Geist fortkommen, aber wenn man ohne Ehrfurcht und Bewußtheit handelt, wird man ein geistiges (und vielleicht physisches) Opfer der erzeugten Disharmonie – genauso wie es die Weise nicht verletzt, wenn man über den Rand einer hohen Klippe läuft, aber zu Tode führen kann.

Die meisten nicht eingeborenen Amerikaner sind in Vorgängen gefangen, die sie nicht verstehen, auf die sie sich nicht einstellen können und von denen sie geistig und körperlich zersört werden. Sie weigern sich wahrzuhaben, daß es nur eine Illusion ist zu versuchen, das unter Kontrolle zu haben, was sie vollkommen enthält. Und als Angehörige unserer Art dienen sie uns als Warnung, daß wir potentiell wie sie sind.

Unser ganzes Sein ist Ehrfurcht. Unsere Rituale erneuern die heilige Harmonie in uns. Jede unserer Handlungen – Essen, Schlafen, Atmen, Lieben – ist eine Zeremonie, die erneut unsere Abhängigkeit von unserer Mutter Erde und unser Verwandtsein mit all ihren Kindern festigt. Anders als die Christen, die das Geistige und das Körperliche trennen, die Religion in ihr Fach packen und die materielle Welt als böse und als bloße Vorbereitung für eine kommende Welt bezeichnen, erkennen wir das Geistige und das Körperliche als eins. - Ohne die Dichotomien des westlichen Menschen zwischen Gott und Menschheit, Gott und Natur, Natur und Menschheit, haben wir ein enges, inniges und warmes Verhältnis zu Mutter Erde und dem Großen Geist. Im Unterschied zum christlichen Glauben, der behauptet, daß unsere Art sowohl von Natur aus böse sei als auch der von Gott eingesetzte Herrscher der Erde, wissen wir, daß wir heilig sind, weil wir von unserer Mutter Erde abstammen.

In der Alten Weise zu sein heißt, auf heilige Weise zu leben, aufrecht zu stehen und geradeaus zu gehen, heißt unsere Brüder und Schwestern von verschiedenen Völkern und Arten zu achten. Es bedeutet, uns zu öffnen wie die Luft, wie der Himmel, um die Berge zu kennen, die Gewässer, die Winde, die Lichter des Himmels, die Pflanzen und die Vierbeinigen, die Sechsbeinigen, die ohne Beine und die beflügelten Wesen. Es bedeutet auf heilige Weise zu töten, Schmerz auf heilige Weise zu erfahren, Liebe, Sorge, Ärger und Freude auf heilige Weise zu erfahren und auf heilige Weise zu sterben.

Alles was uns durch den Großen Geist gegeben ist, ist heilig, das Leben, der Tod, der Wunsch den Tod zu vermeiden und der Wunsch, den Tod zu empfangen, Schmerz, Hunger, Ärger und Wachstum. Um in Harmonie mit der Erde und allem Leben zu leben, bedient man sich nicht der westlichen Werturteile, um das herauszusuchen, was als „gut“ bezeichnet werden könnte (wie Leben, Liebe oder Angenehmes) und dem „Bösen“ oder Harten (Dunkelhbeit, Ärger, Unbequemlichkeit, Schmerz oder Tod) ausweichen. In Einklang mit dem Tod eines geliebten Menschen zu sein bedeutet, die Trauer zu kennen – nicht, um sie zu unterdrücken, zu leugnen oder vor ihr zu fliehen, sondern um mit ihr zu fließen, zu wachsen, in sie einzutauchen, sie zu zelebrieren.

Die Weisen eines jeden Volkes bieten Kanäle für das „Negative“, so daß man ständig das Gleichgewicht und die Harmonie aufrechterhalten kann. „Es ist ein guter Tag zum Sterben!“ riefen die Lakota im Kampf – auf der Höhe des Lebens zu sterben, den Konflikt zu transzendieren, sich selbst in einer Art rituellem Selbstopfer darzubringen, Leben und Tod in höchster Reinheit zu vereinen. Wie in der Befreiung und Offenbarung der Selbsttortur beim Sonnentanz, ist di eExtase das explosive Zusammenkommen von Leben und Tod, von Schmerz und Freude.

Der Tod ist Teil allen Lebens, und alles Leben wird aus dem Tod geboren. Wir töten in heilige Weise und sterben in heiliger Weise. Die Tiere und Pflanzen, die wir töten, um zu leben, werden mit Ehrfurcht, Respekt, Dankbarkeit und Liebe getötet – und mit dem Wissen, daß wir ihnen mit unseren eigenen Körpern zurückzahlen. Unsere Körper gehören nicht uns, sondern der Mutter Erde; sie erlaubt uns durch ihre anderen Kinder zu leben, sie geht ständig durch uns hindurch, indem wir ihre Kinder in unsere Körper aufnehmen und ihnen von unseren Körpern geben. Bei unserem Tod kehren unsere Körper zu unserer Mutter und ihren Kindern zurück, die uns das Leben geliehen haben; und unsere Geister verschmelzen mit dem Fließen, wie eine Welle, die in den Körper eines Flusses zurückkehrt. Alle Lebewesen habn teil aneinander, weil wir keine getrennten Wesen sind, sondern Teilprozesse oder Stufen in einem Prozeß. Es gibt keinen Tod – nur Wandlungen.

Viele Unterschiede zwischen westlichen Werten und Stammeswerten können auf die Art, wie die Zeit wahrgenommen wird, zurückgeführt werden. Die westliche Zeitwahrnehmung ist linear und fortschreitend – man bewegt sich auf einer Linie, mit der Vergangenheit hinter sich und der Zukunft vor sich, und hoffnungsvoll kommt man voran, kommt weiter. („Du bist sechs Jahre alt – höre auf, dich wie ein Zweijähriges zu benehmen!“) - „Es hat uns Millionen Jahre gekostet, aus dem Dreck herauszukriechen, und jetzt haben wir es bis auf den Mond geschafft.“) Jeder Punkt in der Zeit wird als Stufe in Beziehung zu den anderen definiert – gewöhnlich weiter fortgeschritten als vorherige Punkte, aber nicht so gut, wie das, was noch kommt.

Dieses Fortschreiten der Zeit führt viele nicht-eingeborene Amerikaner dazu, sich vom Großen Geist und Mutter Erde abzuwenden. Es zeigt sich in der Art, wie die Erwachsenen die Tyrannei über ihre Kinder rational erklären. (und erinnere dich, daß sie uns „Kinder“ nennen als beschönigenden Ausdruck für „Wilde“), und in der blinden und hektischen Weise, in der sie ihre Lewben leben, in der Art, wie sie „minderwertige“ Arten verfolgen – und in der Art, wie sie versuchen, Stammesvölker zu zerstören.

Die Wurzel des Wortes „primitiv“ bedeutet „zuerst“ und kennzeichnet eine „frühe Stufe“. (im Gegensatz zu einer „fortgeschrittenen Stufe“). So wird ein Stammesvolk in Bezug zu dem definiert, von dem die westlichen Menschen glauben, das es letztendlich werden sollte. Aber man muß helfen, seufzen sie und scharren ungeduldig mit den Füßen angesichts der Langsamkeit, mit der diese rückständigen Kreaturen den Fortschritt annehmen.

Trotz der Bezugnahme auf „primitive“ – gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen, definiert der Westen „primitiv“ und „fortgeschritten“ hinsichtlich der Technologie. Und der Gebrauch von „primitiv“, austauschbar mit „Stammes“, erzeugt die stillschweigende Annahme, daß Stammesformen sterben, wenn die Technologie komplexer wird. Da der Westen solche Annahmen benutzt, um koloniale Ausbeutung und kulturellen Imperialismus rational zu erklären, ist daraus eine sich selbst erfüllende Prophezeiung geworden.

Unsere Zeitwahrnehmung ist sphärisch – es gibt keine Vergangenheit oder Zukunft, da sie eins sind mit der Gegenwart. Jeder Zeitpunkt ist er selbst – die einzigartige Wechselwirkung unendlich vieler Geschehnisse seit Anbeginn der Zeit – mit unendlichen Wirkungen. So wie jeder Punkt im Raum das Zentrum des Universums ist, so ist auch jeder Punkt in der Zeit das Zentrum der Zeit – der einzigartige und kostbare Augenblick, den die Erde seit ihrem Anbeginn vorbereitet hat.

Nichts schreitet voran, kommt weiter oder verbesser sich. Ein jedes Ding enthält alles, was es gewesen ist und sein wird. Ein drei Meter hoher Baum ist einem dreißig Meter hohen Baum weder über- noch unterlegen. Es ist dem, was es gewesen ist oder sein wird, niemals über- oder unterlegen. Es muß immer in Harmonie mit sich selbst sein. Wenn die Europäer uns zum ersten Male einige Jahrhunderte weiter getroffen hätten, hätten sie bei uns eine komplexere Technologie vorgefunden, als sie taten, aber wir wären dem, was wir gewesen sind, nicht überlegen.

Technologie ist eine sehr oberflächliche Form des Wachstums. Ein Stammesvolk, bei dem das Geistige zuerst bedacht wird, prüft fortwährend alles Neue und Alte hinsichtlich seiner geistigen und gesellschaftlichen Harmonie; mit seiner eigenen Geschwindigkeit nimmt es etwas in seinen geistigen Rhythmus auf oder scheidet es aus.

All dies sind NICHT unsere Kulturen. Es ist der Boden, auf dem unsere Kuluren wachsen. Wir bringen unsere Völker nicht hervor, noch wurden sie uns von außen gegeben. Sie werden aus der unbearbeiteten Form unserer Ekstase gebildet, was bedeutet, daß sie aus dem Großen Geist sind.

Sich seines Seins bewußt zu sein, ist furcherregend und heilig. Unser Bewußtsein wirk auf sich selbst zurück: uns wurden Worte gegeben. Das Wort mjß mit Achtung behandelt werden, damit seine Macht nicht außer Kontrolle gerät und Schaden anrichtet. Lügen war nach der Alten Weise undenkbar, denn Worte zu mißbrauchen, bedeutet das Volk zu gefährden. Menschen, die keine Achtung vor Worten haben, lassen die Worte Welten für sie erschaffen, und dann ziehen sie für immer in diese Welten ein. So ist es möglich, daß die meisten nicht-eigeborenen Amerikaner es fertigbringen vorzugeben, daß ihre Spezies die Welt ist und daß alles andere untergeordnet und unwichtig ist. Das Wort enthält nicht die Existenz dessen, worauf es sich bezieht – das Wort ist wie ein fokussierendes Glas. Wenn ich es auf etwas richte und du hindurchsiehst, so siehst du, worauf ich es richte.

Aber der Umfang des Wortes ist begrenzt, darum wurde uns das Lied gegeben, geboren wie eine Welle, die durch uns hindurchfließt, durch den Einzelnen oder durch die Gemeinschaft in einem kostbaren Augenblick vereinten Bewußtseins. Durch das Lied schwingen wir mit dem Pulsschlag der Erde. Das Lied ist ewig, aber wie eine flache Oberfläche – so wurde uns die Zeremonie gegeben, gegeben aus der Heiligkeit, die uns umgibt, die sich ewig nach allen Seiten ausdehnt. Durch die Zeremonie ist der Heiligkeit Form gegeben. Aber die Zeremonie besteht nicht ewig in der Zeit – dafür wurde uns unser individuelles Bewußtsein gegeben, durch das wir erfahren, fühlen und wissen, und als Individuen sind wir aus der ganzen Erde und aus aller Zeit.

Ganz gleich wie viele Jahrtausende alt ein Volk ist, es ist neu, es wird erschaffen, es wächst. Die Sprache, die Mythen, die Legenden, die Lieder, die Zeremonien, die Kunst sind sowohl Manifestationen des Stammesbewußtseins als auch Mittel zu dessen Erschaffung. In unseren Mythen und Legenden wird kein Unterschied zwischen physischer oder materieller und spiritueller oder geistiger Geschichte gemacht, weil er ohne Belang ist.

Wenn wir Mythen und Legenden erschaffen, die, sagen wir, einem Fluß Leben zuschreiben, und wenn wir entsprechend handeln und fühlen, dann handeln wir nicht im Widerspruch zur Wirklichkeit. So wie man, wenn man die Form eines Rehs aus einem Stück Holz schnitzt, nicht dem Holz eine fremde Form aufzwingt – das Zusammenwirken des Schnitzers mit den besonderen Eigenheiten des Holzes bringt ein Leben hervor, das im Geist existiert – und das tatsächlich wirklich ist. Ganz gleich wie „realistisch“ etwas betrachtet wird, das Bild existiert nur im Betrachter – was es nicht weniger wirklich und wahr macht. (Westliche Menschen mühen sich ab, die Dinge „realistisch“ zu sehen, und dann werfen sie ihre Wahrnehmung mit der Wirklichkeit durcheinander. Weil sie darum so wenig sehen und nocht viel weniger verstehen, brachten sie es fertig, den lächerlichen Begriff des „Übernatürlichen“ zu schaffen – buchstäblich: „über der Natur“ – und dann hatten sie die Frechheit dieses Wort auf die Religionen von Stammesvölkern anzuwenden, die wissen, daß die Natur alles umschließt.)

Wenn wir uns öffnen, wenn wir uns hingeben, können wir die Wirklichkeit oder den Geist vieler Dinge erkennen – „die wirkliche Welt hinter dieser, und alles was wir hier sehen, ist wie ein Schatten jener Welt,“ um es in den Worten Black Elks zu sagen. Wenn wir uns in Resonanz mit diesen Geistern bringen, unsere eigene Mitte mit ihnen zusammenbringen, dann können sie zu uns sprechen, uns lehren, uns führen, uns helfen, uns schützen und uns mit der Macht ausstatten, die in ihnen manifestiert ist.

Ein Ding, das Macht hat, erhält seine Macht, wenn wir in ihm die Macht erkennen, die durch alles hindurchfließt – es erhält seine heilige Macht durch die Macht unseres Bewußtseins, die nicht unsere ist, sondern die des Großen Geistes. Das ist der Grund, warum niemand von unseren Völkern jemals versucht hat, seine Religion anderen Völkern aufzuzwingen, und warum wir immer Variationen des Denkens geachtet haben; wir sind zu religiös, um zu glauben, daß Religion von außen aufgezwungen werden kann oder um Symbole, Rituale und Vorschriften mit dem eigentlichen geistigen Wissen zu verwechseln.

Unsere Welten sind Wunder und Magie, weil wir sie erschaffen. Eine Stammeskultur ist ihren Menschen sehr nahe, das heißt, sie wächst in Harmonie mit ihnen, indem sie das aufnimmt, von dem diese glauben, daß es mit ihnen in geistiger Harmonie ist. Je reicher eine Kultur ist – an Mythen, Liedern, Zeremonien, Bräuchen usw. - umso mehr Leben und Bewußtheit und Freude und Eintauchen in das Sein ist geschaffen.

In diesem Sinne haben die Anglo-Amerikaner fast gar keine Kultur. Ihr Ideal des „rauehn Individualismus“ läßt ihnen kulturelle Formung als im Widerspruch zu individueller Selbstbestimmung erscheinen oder als eine Form von Gehirnwäsche oder als ein Symptom von Schwäche. So ignorieren sie die Weisen, auf die sie geformt werden und verwechseln folglich ihre eigenen Maßstäbe, Sitten und Mythen mit Absoluta.

Der Hauptgrund dafür, daß es in Stammesgesellschaften so wenig antisoziales Verhalten gibt und daß eine Stammesgesellschaft ohne (repressive) Regierung funktioniert, ist, das antisoziales Verhalten den zerbrechlichen kreisförmigen Bund, der das Volk ist, bedrohen würde – und da das Volk das kollektive Bewußtsein ist, und das Bewußtsein wiederum der Einzelne IST, würde es die eigene Existenz in unvorstellbare Gefahr bringen, bedrohte man die Einheit seines Volkes.

Der einzelne Stammesangehörige kann nicht getrennt von seinem Stamm bestehen. Wenn das Volk aufgesplittert wird, bricht das Universum zusammen. Es ist eine Tragödie, die sogar über das Fassungsvermögen derer, die sie erleben, hinausgeht, und die in englischer (oder deutscher Sprache vielleicht „Heil“) nicht beschrieben werden kann, da diese kein Wort für das haben, was zerstört wird. Die Eindringlinge können nicht verstehen, was sie getan haben, weil sie nichts haben, was dem vergleichbar wäre, was wir zu verlieren im Begriff sind. So machen sie munter ihre bösartigen Bemerkungen, daß unsere Assimilation unausweichlich ist oder daß unsere Kulturen sterben.

Die Auflösung der Stammesidentität zu einem einzigen Brei von „Indianertum“, wie es in den Städten zu geschehen scheint, ist eine Falle. So können die Eindringlinge unsere Kultur sogar zerstören, während wir an unserer indianischen Identität festhalten. Wir wissen, daß wir nicht wegen der Einheit des Stammes auf unsere Individualität verzichten müssen – genauso wenig müssen wir das Stammestum der Solidarität zwischen den Stämmen opfern. Ein Vogel kann nicht einfach ein Vogel sein, ohne einer bestimmten Art anzugehören – darum besteht „Indianertum“ darin, einer bestimmten Kultur anzugehören.

Unsere Einheit mit Mutter Erde und dem Großen Geist, die uns verbindet, ist nicht unsere Kultur. Es ist ein Absolutum. Darum sind unter Einzlnen, die mit DER MACHT vereint sind, wie geistige Führer, Propheten, Medizinmänner und – frauen, Stammesunterschiede belanglos. Jede Kultur (in dem Sinne, wie Stammesangehörige sie kennen) muß auf diesem grundsätzlichen geistigen Wissen erbaut sein, um Zusammenhalt und Dauer zu haben.

Aber das Wissen ist nicht genug. Andere Völker, die es hatten, haben schon lange ihr Stammestum abgelegt und grausame und gesellschaftlich unterdrückende Formen entwickelt. Wenn wir unser Stammestum verlieren, gehen die sozialen Bindungen zuerst kaputt.

Es sind unsere eigenen Stammeskulturen, die uns die Werkzeuge geben, das Wissen zu gebrauchen, und die Mittel DIE MACHT zu erlangen. Wir werden unsere Macht verlieren, wenn wir unsere Stammesbindungen verlieren, denn sie muß durch uns hindurchfließen und durch alle Menschen und von dem ganzen Volk geteilt werden – nur auf diese Weise können wir mit der Macht der ganzen Erde verbunden werden.

Die intellektuellen westlichen Menschen betrachten uns als Kinder. Sie glauben, daß wir nun, nachdem wir die harte Realität der modernen Zivilisation gesehen haben, unsere Unschuld verloren haben, wie ein kleines, weißes Kind, dem man gerade erzählt hat, daß es keinen Heiligen Nikolaus gibt. Siehst du? - im hellen Lichte der Wissenschaft, da gibt es keine Geister, keine Magie. Sie glauben, daß wir, wie das desillusionierte Kind, nicht in die alte magische Welt zurückkehren können.

Mein Volk – wir erlangen die Macht durch die Macht unseres eigenen Bewußtseins. Wir geben einer Sache Macht, indem wir seine Macht erkennen. Wenn wir uns im Lichte der westlichen „Rationalität“ schämen und die Macht unseres Geistes und unserer Seele verlieren, werden unsere Religionen ein Bündel drolligen, hübschen Aberglaubens. Und wir werden nicht überleben, sondern im Strom der Weißen gefangen werden und mit ihnen sterben.

Die Ankunft Fremder auf diesem Kontinent hätte nicht so verheerend sein müssen. Tatsächlich empfingen wir Besucher aus dem Orient mindestens tausend Jahre bevor wir hier einen italienischen Sklavenhändler entdeckten. Die Besucher aus dem Orient versuchten nicht, uns zu schaden oder zu berauben. Kultureller Kontakt, sowohl zwischen unseren Völkern als auch mit Menschen aus anderen Ländern, ist an und für sich gut – sogar notwendig. Ein Volk kann nicht an irgeneinem Punkt eingefroren werden. Die Völker haben sich immer verändert, sich verschmelzend und teilend, leihend und etwas abgebend, lernend und wachsend. Bevor die Europäer mit aktiven Bemühungen, uns auszurotten, begannen, war vieles von dem, was sie mitgebracht hatten – das Pferd, das Schaf, Perlen, Metallwerkzeuge – in viele Kulturen aufgenommen worden. Ohne Rücksicht auf ihren Ursprung wurden diese Dinge indianisch. Alles, was wir aufnehmen, wird indianisch.

Mein Volk – es gibt kein Wachstum ohne Schmerzen; noch ist da Schmerz ohne Wachstum! Wir verstecken uns nicht vor Schmerz, Tod und Leben. Die westlichen Menschen wenden sich davon ab: sie bekommen Fleisch in von Blut gereinigten, hygienischen Packungen; sie versuchen ihre Körper bei ihrem Tod daran zu hindern, von der Erde, der sie gehören, zurückverlangt zu werden – sie versuchen, die Heiligkeit des Lebens zu leugnen, das sie vernichten, wenn sie sie eine Mücke töten.

Weil wir uns nicht einmal vor dem kleinsten Schmerzensschrei verstecken, werden wir überleben. Bei uns war der Begriff der Feigheit von Alters her nicht begrenzt auf die körperliche Feigheit, wie der Westen sie definiert. Feigheit ist, sich vom tatsächlichen, wirklichen Leben zurückzuziehen mit all seinen Konflikten, Risiken und Schmerzen.

Wir sind aus der ganzen Erde, geistig verschweißt mit jedem ihrer Vorgänge – wir hören jeden ihrer Schreie. Wenn wir unsere Fähigkeit zu hören verlieren, können wir nicht im Einklang mit ihr fließen, und wir werden mit den Eindringlingen untergehen, wenn sie diese Dissonanz mit einem starken, krampfartigen Schütteln aufhebt. Wenn wir uns aus Angst vor den Weißen zurückziehen, werden wir tatsächlich zusammenschrumpfen und mit ihnen weggefegt werden – weil wir uns von der Erde und von der Weise des Lebens zurückgezogen haben.

Solange wir unser Stammesbewußtsein als Struktur erhalten, kann alles, was uns die Weißen über ihre „Wissenschaft“ lehren, nur unsere Macht und usnere Einheit mit unserer Mutter Erde vergrößern.

Was wir jetzt ertragen, erfordert weitaus größere geistige Teilnahme als jemals bevor. Es ist schmerzhaft. Wir hören die Sorgenschreie unserer Mutter Erde über die ausgerotteten Arten und ihre Schmerzensschreie, weil ihr Herz durch den Tagebau zerfetzt wird. Unsere Qual ist nicht nur die unsrige, sondern die unserer Mutter Erde und aller ihrer Kinder, und was jetzt erforderlich ist, ist nicht nur Solidarität zwischen den Stämmen sondern zwischen den Arten. Wir können die alten Weisen nicht bewahren, indem wir uns in unser Indianertum verkriechen, uns zusammenkauern und zurückziehen. Die Alten Weisen können nicht einmal beschrieben werden – die äußerlichen Formen unserer Religion sind nur Instrumente. Die Alten Weisen sind einfach die Mittel zur totalen Einheit mit der Erde, und wir können jetzt nicht von ihr abfallen. Unsere Unterdrückung ist geistig. Um in Einklang mit unseren gegenwärtigen materiellen Bedingungen zu antworten, müssen wir bestimmte Formen physischen Widerstands bieten. Wir müssen unsere Herzen, Seelen und Geister zurückfordern, und dieses zu tun bedeutet, die Verweigerung der Unterwerfung unter die Mittel der Unterdrückung – die materielle Ausplünderung, die bürokratische Tyrannei, die Erniedrigung, die Weigerung, daß man uns von Mutter Erde stiehlt.

Aber um die Völker wieder aufzubauen, erfordert es mehr als den Widerstand gegen diese Dinge. Nur die Menschen, die wahrhaft zu den alten Weisen stehen, - die verstehen, daß sie Wachstum sind und die verstehen, daß die „Neuen Weisen“ auch vom Großen Geiste sind und daher in den Alten Weisen enthalten sind – und die darum die „neuen“ Weisen weder automatisch annnehmen noch fürchten – werden als Volk überleben.

Jeder von uns mjßt die Sprache, Mythen, Geschichte, Zeremonien und Bräuche seines eigenen Volkes kennen, damit das Volk lebt. Die alten Religionen und Stammesweisen sind die Strukturen, die uns befähigen, die neuen aufzunehmen. Aus uns selbst bringen wir die Propheten und geistigen Führer hervor, die jedes Volk dazu führen werden, seinen eigenen Weg in diese neuen Verhältnisse zu vollenden.

Mein Volk – es gibt keine „moderne“ Welt. Es gibt nicht einmal eine Welt der Weißen – es gibt die Welt des Großen Geistes und die Welt der Mutter Erde. Durch die alten, heiligen Weisen haben wir das immer gewußt, und nur durch diese Alten Weisen können wir als Menschen und als Volk überleben.

Mein Volk – ich höre diese Stimme in der Stadt. Nicht nur der Regen sagt es, nicht nur die feinen Risse, die durch den Beton brechen, es sind auch die Risse im Zement, die die Form von Winterbäumen annehmen und die Regenbögen auf den Ölpfützen auf der Straße.

Ich habe gesprochen.

 

(Mohawk Nation via Rooseveltown, N.Y. 13683, USA)










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